Das GEAS – Gemeinsames Europäisches Asylsystem – ist am 12. Juni 2026 in Kraft getreten. Noch ist unklar, welche genauen Folgen die Reformen haben werden. Ein Interview von Marie Odenthal aus dem Team Presse- und Öffentlichkeitsarbeit mit Jana Ludwig, Migrationsberaterin für erwachsene Zugewanderte bei CampusAsyl, bringt etwas Licht ins Dunkel.
Was ist das GEAS und was sind die zentralen Punkte, die darin stehen?
Jana: Das sind Asylreformen, die die EU 2024 beschlossen hat. Grob geht es dabei um die Vereinheitlichung der Regeln zum Asylverfahren und der Aufnahme von Geflüchteten in der EU. Es regelt, dass Menschen schon an den EU-Außengrenzen das erste Mal kontrolliert und in ein Datensystem aufgenommen werden können und dass die Asylverfahren zukünftig schon an den Außengrenzen der EU stattfinden können. Betroffen sind davon unter anderem Menschen aus Ländern, die eine Anerkennungsquote von unter 20 Prozent in der EU haben, also zum Beispiel der Irak, Russland und die Türkei. Diese Verfahren sollen an den Grenzen sehr schnell abgewickelt werden, wofür die Menschen dort „paratgehalten“ werden sollen, im schlimmsten Fall unter haftähnlichen Bedingungen. Von dort aus können schutzsuchende Menschen dann auch wieder in ihre Herkunftsländer oder in sogenannte sichere Drittstaaten abgeschoben werden. Dabei ist es nach den neuen Regelungen möglich, dass die „Unterbringung“ von Geflüchteten in Ländern außerhalb von der EU stattfindet, die im Rahmen eines Abkommens die Asylverfahren für EU-Länder durchführen. Das gilt selbst, wenn der geflüchtete Mensch keine Verbindung zu dem Land hat und dort gegen seinen Willen hingebracht wird. Da gibt es natürlich menschenrechtliche Bedenken.
Eine Sorge dabei ist, dass die Verfahren durch die geplante Beschleunigung oberflächlicher und ungenauer werden. Welche Länder als „sicher“ gelten, ist komplex; die Liste wurde aber jetzt nochmal überarbeitet. Neu ist auch, dass Menschen, die schon in einem anderen EU-Staat Schutz bekommen oder einen Asylantrag gestellt haben, in Deutschland in Sekundärmigrationszentren untergebracht werden dürfen. Mit der Begründung der Fluchtgefahr ist es nach dem neuen GEAS möglich, dort Ausgangssperren für die Menschen zu verhängen und sie somit in ihren Freiheitsrechten einzuschränken. Da gibt es natürlich auch menschenrechtliche Bedenken.
In welchem politischen Kontext ist das GEAS zu betrachten und aus welchem Diskurs heraus ist es entstanden?
Jana: In den Jahren nach 2015 sind sehr viele Menschen in die EU gekommen, um hier Asyl zu beantragen. Weil es quasi keine funktionierenden Verteilungsmechanismen gab, waren viele Länder an den EU-Außengrenzen sehr überfordert und das hat unter anderem dazu geführt, dass der politische Diskurs über Migration immer negativer wurde. Mit dem GEAS sollten jetzt einheitliche Regeln geschaffen werden, im Endeffekt sehen wir aber eine Fortsetzung der Politik der Abschottung und Externalisierung in der EU.
Für wen hat das GEAS konkrete Folgen? Wie sehen diese aus?
Jana: Ganz konkret hat das GEAS Folgen für Menschen, die aus ihrem Heimatland fliehen und in der EU Schutz suchen. Viel ist da noch unklar, zum Beispiel was die Einhaltung von Menschenrechten angeht. Können Asylverfahren unter haftähnlichen Bedingungen überhaupt menschenrechtskonform sein? Werden diese Menschen Zugang zu Rechtsberatung und zu gesundheitlicher Versorgung haben und werden besonders vulnerable Personengruppen erkannt? All das ist noch fraglich und stark zu bezweifeln. Auch für geflüchtete Menschen, die in Deutschland künftig in Sekundärmigrationszentren isoliert untergebracht werden sollen, verändert das GEAS einiges. Und auch unsere Gesellschaft und unser Umgang miteinander und mit geflüchteten Menschen in Deutschland werden sich durch mehr Isolation und Abschottung negativ verändern.
Inwiefern beeinflusst das GEAS die Arbeit von CampusAsyl?
Jana: Das lässt sich derzeit noch schwer abschätzen. Was wir schon jetzt beobachten können, ist eine allgemeine Verschlechterung der Situation für schutzsuchende Menschen. Zum Beispiel wurde seit Jahresbeginn der Zugang zu den Integrationskursen sehr stark eingeschränkt. Und zusätzlich erleben wir immer weitere Kürzungen oder die vollständige Streichung von Fördermitteln in verschiedenen Bereichen. Ein Beispiel dafür ist die unabhängige Asylverfahrensberatung (AVB). Diese Beratung unterstützt Schutzsuchende dabei, das Asylverfahren zu verstehen und relevante Schutzgründe möglichst frühzeitig vorzubringen. Das Bundesministerium des Innern plant jedoch die Finanzierung dieser Beratung ab 2027 zu streichen.
Das Schöne ist, dass der Rückhalt unserer Ehrenamtlichen in den mehr als 20 Projekten und Gruppen von CampusAsyl derzeit ungebrochen ist. Gleichzeitig ist zu befürchten, dass eine zunehmende Abschottung und Isolation geflüchteter Menschen die Lebensrealitäten von Menschen mit und ohne Fluchterfahrung weiter auseinanderdriften lässt. Dadurch werden Begegnung, gesellschaftliche Teilhabe und Integration zusätzlich erschwert.
Kann die Zivilgesellschaft – damit auch CampusAsyl – bestimmte Maßnahmen ergreifen, um befürchtete Folgen des GEAS abzumildern? Wenn ja, wie könnten diese aussehen?
Wir müssen zuerst daran denken, solidarisch zu sein. Wir können uns mit Menschen zusammentun, die mit den neuen Regelungen auch nicht einverstanden sind. Und wir können Zeit darin investieren, uns zu engagieren und die Auseinandersetzung mit Flucht und Migration im Privaten und im öffentlichen Raum zu beeinflussen. Wir bräuchten eigentlich einen viel positiveren Diskurs über Migration, es bietet nämlich so viele Chancen, wenn Menschen hierherkommen. Auf diesem Weg dürfen wir uns nicht entmutigen lassen!
Mediendienst Integration (2026): Das neue gemeinsame europäische Asylsystem (https://mediendienst-integration.de/news/das-neue-gemeinsame-europaeische-asylsystem-geas/; letzter Zugriff: 29.06.2026).
Pro Asyl (2026): GEAS startet: FAQ zu den wichtigsten Aspekten der europäischen Asylreform (https://www.proasyl.de/news/geas-startet-faq-zu-den-wichtigsten-aspekten-der-europaeischen-asylreform/; letzter Zugriff: 29.06.2026).
Interview von Marie Odenthal.